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2. Ausgabe 2002
Unser Mestre ist schon «Zähni»
O Batizado - Die Taufe
Die Entstehung der Capoeira
Capoeira und dessen gesundheitlicher Aspekt
Stell dir vor...
Pé quente, Cabeça fria!
Bomba e seu Berimbau ...vão viajar...
Amazonas, Piranhas und Capoeira

«Wer zwei Beine, zwei Arme und einen Kopf hat, kann Capoeira lernen. »

 

Unser Mestre ist schon «Zähni»

Nilsa Eberhart
Graduada Preta


Im Dezember 1991 wurde Manoel Matias Lopes von Gross-Meister Dunga aus Belo Horizonte zum Mestre der Capoeira graduiert. Mestre Dunga war davon überzeugt, in Matias das gefunden zu haben, was einen Capoeirista zum Mestre macht.
Matias aber war jung und fühlte sich mit 28 Jahren noch nicht für diese grosse Aufgabe bereit. Doch er nahm seinen Meister-Gürtel entgegen mit dem Versprechen, immer sein Bestes zu geben.

Unser 10. Batizado (Schüler-Taufe und Gürtelwechsel) ist das Ergebnis von diesem Versprechen.


1981 - Matias trainiert in Sete Lagoas
1985 - Professor Matias in seiner Schule in
Felixlandia, Minas Gerais.
1986 - Contra-Mestre Matias mit seinen Schülern
aus Curvelo, Minas Gerais.

Was bedeutet es ein Mestre zu sein?
Was bedeutet es für mich als kleine Capoeirista einen Mestre zu haben? Was erwarte ich von einem Mestre?
Sofort kommen einem bei diesen Fragen die berühmten Hollywood Cliches in den Sinn: Ein alter, sehr alter Meister mit einem langen weissen Bart. Er ist klein und zerbrechlich und kann dennoch mit einer einzigen Handbewegung jeden Feind vernichten.

Für mich ist ein Mestre, in diesem Fall ein Capoeira Mestre, ein Vorbild, Sportler, Philosoph, Lehrer, Erzieher und Freund.

Er lebt seine Kunst in jeder Sekunde seines Lebens.

Er trägt das Wissen von Jahrhunderten in sich, aber bleibt bescheiden.Er ist sich bewusst, dass es mit jedem neuen Tag und jedem neuen Schüler noch sehr viel mehr zu lernen gibt, und er hat die unendliche Geduld, sich stets zu wiederholen, bis ihn alle verstanden haben.

Er hat Humor, und aus seinen Lebenserfahrungen schöpft er Geschichten, die den Unterricht auflockern.

Er ist streng, denn ohne Disziplin kann niemand sein Bestes geben.

Er zeigt, wie man seine Kunst anwenden muss, lässt dabei aber Platz für Selbstentdeckung und Selbsterfahrung.

Er kennt jeden seiner Schüler mit seinem Potential, seinen Bedürfnissen, seinen Schwächen und versucht, jeden einzelnen zu motivieren.

Er beherrscht sich, kann die Ruhe beim Spiel bewahren, wenn andere nur ans Kämpfen denken, und er hat keine Angst.

Er strahlt diese Ruhe, eine Kombination aus Wissen, Verständnis, Sicherheit und Liebe, aus.
Diese Energie, zusammengesetzt aus allen genannten Eigenschaften, bezeichnen wir auch als Aura. Ich habe sie bei verschiedenen Mestres gespürt und ich spüre sie bei Mestre Matias. Man fühlt sich von ihr wie von einem riesigen Magnet angezogen, sicher, friedlich und gleichzeitig hungrig.

Capoeira macht hungrig, und ich möchte nie satt werden!



2001 - Mestre Matias und Grão Mestre Dunga,
in die «Senzala» von Mestre Dunga in Belo Horizonte.

 





   





























 

 
 

O Batizado - Die Taufe

Die Zeremonie der Taufe wurde 1936 vom Mestre Bimba in Salvador da Bahía erfunden. Sie ist mehr als ein Fest, sie ist einer der grössten Momente für den Capoeirista. Ein Ritual, mit dem die Anfänger nach einerVorbereitungszeit von sechs Monaten bis zu einem Jahr in die Welt derCapoeira eintreten.
Zum ersten Mal wird der Schüler in einer Roda (Spielkreis) mit Mestres und Professores aus anderen Gruppen, Städten und Ländern spielen. Von einem dieser auswärtigen Mestres erhält er seinen Gürtel, nachdem er im Spiel mit diesem den «Boden unter sich spüren musste». Die anderen Schüler, die bereits in den vorherigen Jahren getauft worden sind, müssen ihren Gürtel
beim Spielen mit den verschiedenen Mestres bestätigen. Dabei folgt die
Graduierung einem strengen Gürtelsystem.Die Taufe ist auch ein Fest und eine fröhliche Zusammenkunft der Capoeiristas. Man feiert und tanzt zusammen nach den anstrengenden Capoeira Erlebnissen des Tages. Es findet auch ein Austausch von Instrumenten, Musik, Bekleidungen und neuesten Informationen statt. Neue Freundschaften und Projekte aus der Welt der Capoeira erblicken an der Batizado das Licht.


Brasil Capoeira - Gürtelsystem

Schüler
• Corda crua: dieser Gürtel wird von allen Anfängern getragen.
• Corda crua/amarela: natur / gelb
• Corda amarela o ouro: gelb - das Gold
• Corda crua / laranja: natur / orange
• Corda amarela / laranja: gelb / orange

Monitor
• Corda laranja o sol: orange - die Sonne
• Corda crua / azul: natur / blau
• Corda amarela / azul: gelb / blau
• Corda laranja / azul: orange / blau


Aluno graduado
• Corda azul o mar: blau - das Meer
• Corda azul / verde: blau / grün
• Corda verde: grün - der Dschungel
• Corda verde / roxa: grün / violett Instructor
• Corda roxa amatista: violett
• Corda roxa / marron: violett / braun

Professor
• Corda marron o solo: braun - die Erde
• Corda marron/vermelha: braun / rot

Mestrando (Contra Mestre)
• Corda vermelha o rubi: rot

Mestre

• Corda vermelha branca: rot / weiss Mestre
• Corda branca o diamante: weiss -
• der Diaman
t - 20 Jahre als Capoeira Mestre
































 
 

Die Entstehung der Capoeira

350 Jahre Sklaverei hinterliessen tiefe Wunden in der brasilianischen Geschichte. Wunden, die bis heute zu spüren sind. Seit der Verbrennung aller Dokumente
aus dieser Zeit, 1890, existieren nicht mehr viele Quellen über die Entstehung der Capoeira und ihrer Verbreitung bis Ende des 19. Jahrhunderts.
Trotzdem behauptet die Mehrheit der Gelehrten, dass Capoeira in Brasilien von schwarzen Afrikanern erschaffen wurde. Andere glauben, dass Capoeira aus Afrika stammt.
Einige sind der Meinung, dass Capoeira aus einer Mischung verschiedener Tänze und Rituale aus diversen Teilen Afrikas besteht. Andere behaupten, dass Capoeira eine Mischung zwischen den afrikanischen und indianischen Kulturen ist. Um 1630 hatten die brasilianischen Indios eine Art Ritual mit Musik, Tanz und Kampf vereinigt. Ethnologen glauben, dass der Ursprung des Begriffes Capoeira aus dem Tupi-Guarani kommt. «Caa» bedeutet Dschungel, «puera» der, der in den Dschungel ging. Wenn ein Schwarzer entfliehen wollte, blieb ihm nur die Flucht in den Urwald.


Trotzdem versichern andere, dass Capoeira afrikanisch sei, da in Afrika ein Capoeira ähnlicher Tanz «n’golo» (Tanz der Zebras) existiert. Da in anderen Ländern, welche auch durch die afrikanische Kultur beeinflusst wurden, keine vergleichbare Entwicklung stattgefunden hat, ist dies eigentlich der Beweis dafür, dass Capoeira seine Wurzeln in Brasilien hat.

Unabhängig davon war Capoeira eine Form des Widerstandes der afrikanischen Sklaven und ein Befreiungsinstrument gegen die Herrschaft und Unterdrückung durch die weissen Colonizadores.Capoeira tauchte schätzungsweise erstmals gegen anfangs des 16. Jahrhunderts auf, ob in den Senzalas (Sklavenbehausungen), in den Quilombos (Siedlungen der entflohenen Sklaven) oder in den Feldern bleibt unklar. Entwickelt wurde sie jedoch in Pernam-buco, Bahia und Rio de Janeiro .

In den Senzalas wurde während der knappen Freizeit Capoeira praktiziert. Sie wurde im Ginga-Schritt mit Musik getarnt, um die gefährlichen Bewegungen zu verstecken und um die «Herren» nicht misstrauisch zu machen. Dieser geheime Kampf rettete die Sklaven, als sie versuchten in die Quilombos zu entfliehen. Als die «Capitães do Mato» (bezahlte Sklavenfänger) nach den Sklaven im Jungle suchten, versteckten sich die Verfolgten im Dickicht und warteten den richtigen Moment ab, um die «Capitães» zu attackieren
.


































 
   
 
Capoeira und dessen gesundheitlicher Aspekt


Helen Moser-Rocha
Monitora Olho de Koala
Dipl. Physioterapeutin


Capoeira ist eine umfassende Sportart: Sie enthält Sport, Gesang, Musik, Rhythmus und Spiel.

Im sportlichem Bereich der Capoeira finden wir die Komponenten Ausdauer, Kraft, Beweglichkeit, Schnelligkeit, Koordination und Körperwahrnehmung. Beim Gesang werden die Atemhilfsmuskeln trainiert, das Stimmband gekräftigt und körpereigene Endorphine ausgeschüttet. Beim Berimbauspielen wird die Koordination und das Rhyth-musgefühl geschult. Für unser Gehirn ist es eine Herausforderung, gleichzeitig Berimbau zu spielen und zu singen. Eine gute Nebenwirkung des Berimbauspielens und des Klatschens ist, dass die Rotatorenmanschette gekräftigt wird. So wird das Schultergelenk muskulär stabilisiert, was vorbeugend für Schultergelenksverletzungen, z.B. Luxationen ist. Manche Leute, welche zum ersten Mal Capoeira sehen, denken, dass dieser Sport gelenkschädigend ist. Dem ist nicht so. Es kommt, wie bei jeder anderen Sportart, darauf an, wie man sie ausführt. Zum Beispiel sind bei der Capoeira zu viele Saltos und Sprünge belastend für Rücken und Knie, auch hier gilt: Mass halten und auf seinen Körper hören.

Der menschliche Körper braucht aber Bewegung. Ein Hauptproblem unserer Gesellschaft ist, dass wir uns einseitig oder kaum bewegen und so unsere körperlichen Möglichkeiten nicht ausschöpfen. Capoeira kann diesem Problem Abhilfe verschaffen: Schliesslich braucht man in der Capoeira alle Gelenke in ihrem ganzen Bewegungsumfang, dies bewirkt eine gesunde Knorpelernährung und eine gleichmässige Knorpelbelastung. Auch die Muskulatur wird ausgeglichen trainiert und Muskelverkürzungen bleiben aus, da man, wie im Tanz, die Muskulatur im ganzen Bewegungsausmass benützt, in verlängerter und verkürzter Position. Das ist der Grund, für den sehr tiefen Ruhetonus der Capoeira. Ein Muskel kann sich nur voll spannen, wenn er sich auch ganz entspannen kann.

Man trainiert im Capoeira die Schnellkraft, Maximalkraft und Kraftausdauer, im exzentrischen (bremsend) und konzentrischen (zusammenziehend) Bereich. Die Schnellkraft braucht man vor allem bei Sprüngen, Saltos, Schlägen. Die Maximalkraft braucht man bei allen Standübungen (Handstand, queda da rins, etc.). Die Kraftausdauer braucht man eher bei der Ginga, Quebrada, etc.

Ein Capoeirista ist eigentlich nicht der Langstreckenläufer, da er eine andere Muskulatur entwickelt hat, jedoch braucht er auch eine gewisse Ausdauer. Im Capoeira wird unbewusst häufig Intervalltraining gemacht, vor allem in der Roda: Eine volle Leistung wird in kurzer Zeit gefordert, danach folgt eine Pause und erneut wieder eine volle Leistung. Dies ist besonders gut für das Herz.

Die Capoeira ist ein sehr gutes Koordinationstraining, als Beispiel kann die Ausführung eines Martelos dienen: Hier muss man die Ferse des Standfusses nach vorne schieben und gleichzeitig das Knie und die Arme koordiniert bewegen. Auch der Rhythmus und das Timing spielen eine wichtige Rolle.
Zudem muss man stets wissen, wo man im Raum steht, wo seine Fussspitze endet und wo der Mitspieler steht, dies gehört zur Körperwahrnehmung.

Die Ginga ist eine optimale Ausgangsposition. Sie kräftigt den ganzen Rumpf (Bauch und Rücken), Beine und Schultergürtelmuskulatur. Bei Knieverletzungen ist sie ein gutes Aufbautraining, da es den vorderen und hinteren Teil des Beines kräftigt (Ischios und Quadriceps). Zusätzlich fördert das Training barfuss die Beweglichkeit, Kraft und Adaptation des Fusses, welcher normalerweise unser Kontakt zum Boden ist, in der modernen Zivilisation aber oft verkümmert ist.
Es gibt Leute, die anfangs des Capoeiratrainings Mühe mit dem Rücken oder den Knien haben. Dies kommt daher, weil sich der Körper wieder an Bewegung gewöhnen muss. Wenn man seinen Körper jahrelang einseitig braucht und dann plötzlich Extrembewegungen von ihm verlangt, rebelliert er zu Beginn. Daher ist es wichtig, mit der Basis zu beginnen, diese korrekt auszuführen und regelmässig zu trainieren. Der Körper wird sich schnell an die Capoeira und die gesunde Belastung gewöhnen, sowie er sich auch schnell ans Nichtstun gewöhnt. Aus diesem Grund ist es gefährlich, eine Pause zu machen und danach wieder dieselbe volle Leistung von seinem Körper zu verlangen wie zuvor. Ein trainierter Körper kann Extremleistungen bringen ohne körperliche Schäden davon zu tragen, ein untrainierter Körper jedoch nimmt bei Extrembelastungen Schaden. In der Capoeira gibt es gewisse Übungen, die man erst machen sollte, wenn man schon eine Grundkondition und Kraft erreicht hat.

Zusammenfassend möchte ich sagen, dass Capoeira eine sehr umfassende Sportart ist, welche bei korrekter Ausführung sehr gesund für unseren Körper ist, und dass man keine Angst vor Folgeschäden haben muss.

































 
 

Stell dir vor...

Oliver Dreyer
1. Gürtel
Lehrer

Oliver Dreyer
... du kommst am Abend müde und geschafft nach Hause. Der Tag war mal wieder energieverzehrend. Die Haustür schnappt ins Schloss, die Tasche landet in der Ecke und deine Hand wandert in Richtung CD-Player. Automatisch drückst du die Play-Taste. Leise kommen aus den Boxen erste feine Congarhythmen. Angenehmer Backgroundsound, gerade richtig zum Ankommen.
Da setzt das Klavier ein, füllt den Raum mit stimmungsvollen Akkorden. Dein Fuss beginnt zu wippen. Da merkst du, dass sich bereits deine Hüften im Takt der Clave bewegen. Die eben angefangene, betörende Stimme zaubert ein Lächeln auf dein Gesicht. Die Müdigkeit scheint auf einmal wie weggewischt.
Du drehst die Lautstärke auf, bist mitten in der Musik, spürst die Vibration, fängst an mitzusingen. Dein Blut pulsiert rhythmisch durch deine Adern.

Das Trompetensolo bringt auch die letzte Zelle in dir zum Hüpfen. Alles in dir scheint sich, mehr oder weniger kontrolliert, zur Musik zu bewegen. Deine Augen sind geschlossen, die Wände um dich beginnen sich aufzulösen, Hitze breitet sich im ganzen Körper aus, Menschen tanzen auf einmal in deinem Raum, Frauen, Männer, alles bewegt sich im packenden Rhythmus, immer schneller, immer mehr, immer näher! Du vergisst deinen Alltag, deine klaren Gedanken, alles dreht sich, du wirst eins mit der Musik. Bachata, Salsa, Meren-gue, von einem Lied zum anderen, wieder zurück und noch einmal von vorne! Überall Musik, schneller, lauter,...!

Plötzlich Stille: Was ist los? Du kommst langsam wieder zu Sinnen. Ach so, die CD ist fertig. Du schaust auf die Uhr und packst deinen Rucksack mit den Trainingskleidern. Zeit ins Capoeira Training zu gehen, das Auspowern geht dort weiter!






































 
 

Pé quente, Cabeça fria!

Simon Gerber
(Sambanbaia)


Einem Aussenstehenden in wenigen Worten zu erklären, was genau Capoeira bedeutet, ist schwierig. Erwähnt man den Begriff «Kampfsport», so werden häufig Filmklischees von sich prügelnden Aussenseitern (Karate Kid etc.) geweckt. Spricht man aber noch die Musik und die tänzerisch anmutenden Bewegungen an, denken viele an eine Art «Ringelreihen mit Sambarhythmen».
Tatsächlich ist die Capoeira äusserst vielseitig. Seit über vier Jahrhunderten praktiziert, hat sie, wie alle traditionellen Kampfkünste, eine starke kulturelle Verwurzelung, wenngleich sie eine völlig andere Herkunft als die heute mehrheitlich praktizierten Budosport-arten besitzt. Elemente wie die Roda, also das Spielen im Kreis, aber ebenso die Musik und der Gesang sind eng mit der Sklaverei und der brasilianischen Geschichte verbunden. Sie bilden den Hintergrund und Sinn der Capoeira, und machen sie gleichzeitig unverwechselbar zu anderen Kampfkünsten.

Andererseits handelt es sich aber auch um eine moderne Kampfsportart, welche an spezialisierten Schulen unterrichtet wird, und durchaus die Fähigkeit vermitteln kann, in einer realen Kampfsituation zu bestehen. Ziel ist aber nicht Aggression, sondern Kontrolle: der Capoeirista soll lernen, seinen Körper und seinen Geist im Griff zu haben. Während den Trainings werden physische Stärke, Ausdauer, Körpergefühl und Koordination verbessert. Dies steigert einerseits die körperliche Fitness,

andererseits aber auch das Selbstvertrauen: wer Schläge und Verteidigungen gezielt und kräftig ausführen kann, behält in der Roda eher die Ruhe, und kann dadurch sein «Können» besser umsetzten. Beim Spiel kommt zusätzlich die Fähigkeit, das Gegenüber aufmerksam zu beobachten, seine Absichten zu «lesen» und blitzschnell zu reagieren dazu. Der Ausdruck «Spiel» passt hierzu perfekt: es ist nicht ein Wettkampf gegen-, sondern miteinander, und das Ziel ist nicht möglichst aggressiv zu handeln, sondern seine Emotionen zu kontrollieren und einen kühlen Kopf zu bewahren. Nur so können die beiden Spieler aufeinander eingehen, und nur so sind die scheinbar fliessend aneinander gereihten Bewegungen möglich, welche der Capoeira diese aussergewöhnliche Ästhetik verleihen. Der in der Capoeira oft gehörte Ausdruck «Kühler Kopf und flammende Füsse» beschreibt diesen Zustand sehr treffend. (pé quente, cabeça fria)
Alle diese Eigenschaften werden nicht zuletzt durch das Training in der Gruppe erreicht. Hier werden die einzelnen Bewegungen sowie ihre Anwendung unter Leitung des Mestres geübt, und das Trainieren mit anderen Capoeiristas deckt die eigenen Stärken und Schwächen auf. Dabei fördern die gegenseitige Unterstützung und Motivation den Fortschritt des Einzelnen und stärken den Zusammenhalt in der Gruppe. Um dies zu demonstrieren, treffen wir uns auch dieses Jahr am Batizado der Academia Brasil Capoeira.

Spätestens an diesem Anlass werden auch Laien erkennen, dass Capoeira nicht einfach ein spektakulärer Tanz, sondern der wohl vielseitigste Kampfsport der Welt ist!



































 
 

Bomba e seu Berimbau ...vão viajar...

Melanie Wysmann
(Bomba)


Es ist ein sonniger Frühlingstag, der von kaltem Wind begleitet wird. Ich selber nehme mehr den Wind als die Sonne wahr, denn vor meiner eigenen Sonne steht eine dicke, graue Wolke. Ich brauche die Sonne dringend. Somit packe ich mich warm ein, sattle meinen Proviant auf den Rücken, nehme mein Berimbau in die Hand und marschiere los.
Die Destination ist mir noch nicht bekannt...einfach nur an die Sonne...! Während meine Gedanken lebendig hin und her kreisen, steige ich in den Zug, setze mich in ein leeres Abteil und fahre Richtung Lausanne. Ich geniesse die Reise, indem ich die Landschaft betrachte. Mein Berimbau ruht sich auf der Gepäckablage aus. Während der Fahrt reizt es mich immer wieder, das Berimbau runter zu holen und mit Spielen zu beginnen, doch ich lasse es ruhen.

In Lausanne angekommen, packe ich mein Berimbau und spaziere mit ihm suchend durch die Gegend...Wie komme ich am besten an den See?...Da, ein Bus. Wir steigen ein und fahren los...ups, das war verkehrt, der Bus fährt aufwärts...
Nach einem etwas längeren Umweg kommen wir schliesslich in Ouchy an. Nun endlich darf sich mein Berimbau ein erstes Mal zu Wort melden. Mit Stein und «Stöckchen» in der Hand stelle ich mein Berimbau aufrecht und während meinem gemütlichen Schritttempo Richtung Park ertönt in sanftem Klang...tsch tsch dong ding ding, tsch tsch dong ding ding...
Fussgänger schauen uns verwundert und interessiert an. Ja, sie drehen sogar mehrmals den Kopf nach uns um, aber niemand getraut sich zu fragen, was wir zwei da machen. (Zum Glück auch, wie hätte ich das auf französisch erklärt?!)
Bereits jetzt spüre ich, wie sich die dicke, graue Wolke langsam auf die Seite schiebt und meine Sonne zum Vorschein kommen lässt. Der Klang des Berimbaus erweckt in mir positive Energie, Freude, Licht, Wärme und Freiheit....

Ein Versuch...tsch tsch dong dong dong tsch tsch...ach ja, das klappt noch nicht ganz mit Iuna, aber wie sagt man so schön...Übung macht den Meister ....oder...Geduld bringt Rosen...
Und da habe ich mich doch zu früh gefreut. Während ich spielend einen Wiesenplatz überquere, tönt es...Ah, c'est quoi ça? vous pouvez aller pêcher?«....Non, non, c'est un instru-ment brasilienne...» und froh waren wir endlich zum See zu gelangen, um die Ruhe und den Klang des Berimbaus zu geniessen.

Da ist er auch schon, wie schön er glänzt durch die Sonne und wie ruhig sich das Wasser wiegt. Immer noch spielend...dong dong ding tsch tsch dong tsch ding tsch tsch, dong dong ding tsch tsch dong tsch ding tsch tsch...spazieren wir am See entlang und klettern über Hügelchen und Steine, bis wir endlich einen gemütlichen Platz gefunden haben.

Der Wind bläst mir um die Ohren und meinem Berimbau um die Saite. Ich setze mich hin und versuche es noch einmal mit Iuna, doch es klappt nach wie vor nicht wirklich. Nun versuche ich es mit...dong dong dong dong tsch tsch dong dong dong ding tsch tsch ding ding ding ding tsch tsch ding dong ding dong...Genau, Santa Maria- und das klappt schon ganz gut!

Die Klänge meines Berimbaus stärken mich immer mehr, so dass sich meine Sonne schon bald wieder in voller Grösse zeigt. Der Wind wird immer stärker und wir entschliessen uns, einen windgeschützteren Platz zu suchen. Spielend...tsch tsch dong ding ding, tsch tsch dong ding ding...und ungestört von den Blicken der anderen Parkbesucher machen wir uns auf den Weg. Balddarauf ist ein neues Plätzchen gefunden. Ich setze mich auf den durch die Sonne gewärmten Stein und immer wieder ertönt Santa Maria, São Bento Grande, Banguela und sogar Iuna ist ansatzweise zu hören...aber nur ansatzweise!

Die Minuten verstreichen unter diesen Klängen und es ist an der Zeit, dass ich mich mit meinem Berimbau wieder auf den Heimweg mache. Mit...tsch tsch dong ding ding, tsch tsch dong ding ding...oder dong dong dong dong tsch tsch dong dong ding tsch tsch ding ding ding ding tsch tsch ding dong ding dong...oder dong dong ding tsch tsch dong tsch ding...spazieren wir gemütlich durch den Park zurück zum Bus und fahren an den Bahnhof. Die Klänge des Berimbaus sind bereits verstummt, ja wir sind beide etwas müde geworden. Während es sich mein Berimbau erneut auf der Gepäckablage gemütlich macht, lasse ich mich müde ins Abteil fallen.

In Bern angekommen werden wir nach Hause gefahren. Bevor wir ganz im Haus verschwinden, zeigt mein Berimbau noch einmal, wer es ist und was es kann....dong dong ding tsch tsch dong tsch ding tsch tsch... Dann legt es sich noch kurz in andere Hände. Schlussendlich verstummen die Klänge unter dem klaren Sternenhimmel und dem hellen Mondlicht endgültig.
Welch erfüllendes Gefühl, mit dem Berimbau spielend durch die Gegend zu ziehen!






































 
 

Amazonas, Piranhas und Capoeira

Beatrice Vogel
Paloma

«Jacaré, (krokodil) Jacaré, Jacareé!!!!!!!» Mein Reiseleiter sitzt im Kanu und schreit. Ana, die mit mir am Baden ist, schwimmt schnurstracks auf einen Baum zu und klammert sich schnellstens an einen seiner Aeste. Ich bleibe gemütlich im Wasser, da ich unseren Spassvogel von Reiseleiter langsam kenne und genau weiss, dass er uns nur Angst machen will. So ist es denn auch. Am Anfang unserer Reise war ich noch
ziemlich erschrocken über die Piranhas, Krokodile, Schlangen, die einfach so mir nichts dir nichts auf die Köpfe der Leute pflatschen und dann mit ihren tödlichen Giftzähnen zubeissen... Nach einigen Tagen habe ich mich jedoch daran gewöhnt, dass hier im Amazonas offenbar überall irgendwelche Gefahren lauern und lasse mich davon nicht mehr gross beunruhigen. Zudem bin ich Mensch mit Sicherheit gefährlicher für Piranhas und Krokodile als sie für mich, schliesslich habe ich mehrere von ihnen gegessen, während sie mich in Ruhe liessen. Ueberhaupt haben die Leute hier eine Ruhe und Ungestresstheit, die man hierzulande lange suchen kann.

Das Leben ist gemächlich, die Leute sind im allgemeinen unbesorgt, trotz der grossen Armut und schlechten medi-zinschen Versorgung. Sehr viele Leute, die ich getroffen habe, hatten denn auch kranke Kinder, und ich habe es masslos bedauert, ausser den Malariamedikamenten, die ich am dritten Reisetag verschenkt habe, keine Heilmittel mitgenommen zu haben. Auch das Wissen über (moderne) Krankheiten und ähnliches ist verschwindend klein. So hat mir z.B. jemand im Ernst erzählt, dass Salz ein unfehlbares Verhütungsmittel sei.
Die Natur ist grandios, wunderschön, obwohl von Unberührtheit nicht mehr viel übrig ist. Ueberall hat es Dörfer, Jäger, Felder, Abfall.

Um wirklich unberührte Natur zu sehen, müsste man mit einem Schnellboot acht Tage ohne Unterbruch in den Dschungel hinein fahren. Im allgemeinen war die Reise aber wunderschön, interessant und sehr lustig, nicht zuletzt auch dank meiner ReisebegleiterInnen. Da war z.B. Paulo, ein Tierliebhaber und begeisterter Fotograf, der jedes Tier von nahe fotografieren wollte und dafür eine Viertelstunde lang in einem Sandhügel herumstochern konnte. Daran, dass die darin lebende Giftschlange, wenn sie schliesslich genervt hervorkam, ihn beissen könnte, verschwendete er keinen Gedanken. Meistens zogen es die Schlangen aber vor, nicht herauszukommen.
Zwischen Amazonas und Salvador da Bahia, der Hauptstadt der Capoeira, besteht ein riesiger Unterschied in fast allen Bereichen. Beides hat mir jedoch sehr gut gefallen, obwohl es überhaupt nicht so war, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich bin der Capoeira in vieler Hinsicht dankbar, denn Capoeira ist mehr als Training für den Körper. Sie gibt mir die Kraft, die es manchmal braucht, um die schlimmen Dinge des Lebens nicht so ernst zu nehmen und das Positive zu sehen, um ehrlich über einen Witz lachen zu können, auch wenn mir vorher den ganzen Tag lang zum Heulen zumute ist. Danach kann ich die Probleme dann auch besser anpacken, denn verbessern kann man immer etwas. Zudem denke ich nicht, dass ich ohne Capoeira Portugiesisch gelernt hätte und in den Amazonas gereist wäre.



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
 
«Wer zwei Beine, zwei Arme und einen Kopf hat, kann Capoeira lernen. »
Interview mit Mestre Itapoan in Porto Portugal - Nilsa Eberhart

Raimundo César Alves de Almeida, Mestre Itapoan, wurde am 13. August 1947 in Salvador da Bahia geboren. Er ist Zahnarzt-Chirurg an der odontologischen Fakultät der Universität von Bahia. Seine Capoeira-Ausbildung mit Mestre Bimba begann er am 22. September 1964, von ihm wurde er auch diplomiert und spezialisiert. Am 13. November 1972 gründete er die «Ginga -Associação de Capoeira». Er ist auch Gründer der «Federação Baiana de Capoeira» (Baianischer Capoeira Verband) und Mitglied des Meister-Rats. Zudem rief er die «Associação Brasilera dos Professores de Capoeira-ABPC» (Verein der Brasilianische Capoeira Professoren) ins Leben.

1990 erhielt Mestre Itapoan die Nationalsport-Verdienst-Medaille. Er schrieb die Bücher: «Bimba, Perfil do Mestre», «Mestre Atenilo - O Relâmpago da Capoeira Regional», «Bibliografía Crítica da Capoeira» und «A Saga do Mestre Bimba». Zusätzlich ist er Verleger bei der «Negaça» Zeitschrift.
Doch in erster Linie ist er ein Capoeirista Regional.

Ihre erste Begegnung mit Capoeira war in den sechziger Jahren, ist das richtig?
«Ja, Ich habe mit dem Training am 22. September 1964 begonnen. Das war eine sehr turbulente Zeit, für die Studenten auf der ganzen Welt wie auch be uns. Die Sechziger veränderten alles in Brasilien».

Die Flower Power- Bewegung, die Hippies, etc. Wie spürte man das alles in Bahia?
«Die Studentenaufstände, die Repressionen waren Alltag. Die Diktatur war viel zu stark. Alles wurde kontrolliert, zensuriert und verboten».

Damals hatten Sie so einen Che Guevara Look...

«Ja! Deswegen wurde ich sogar verhaftet! Obwohl ich mit ihm nichts zu tun hatte, die Repression war extrem».

War Ihr Einsteig in die Capoeira ein Art Rebellion gegen das System?

«Schau mal, Capoeira gab mir eine Autonomie und eine Freiheit, die man auf der Strasse nicht hatte. Die Welt der Capoeira war noch sehr geschlossen, sehr privat, hatte fast keine Öffnung zum Rest Brasiliens, um nicht zu sagen zum Rest der Welt. Da waren nur zwei Capoeira-Schulen in Bahia, und die Vorurteile gegen die Capoeiristas waren enorm. Als man in die Academia kam, war es wirklich eine Erleichterung, seine Frustrationen und Leiden mit dem Training loszuwerden».

War es diese Suche nach Freiheit, die Sie motiviert hat in die Capoeira zu kommen?
«Nein, eigentlich nicht. Ich wurde in Salvador geboren. Dann zogen wir nach Rio Grande do Norte um, nach drei Jahren gingen wir nach Maceio, und nach acht Jahren kamen wir zurück nach Salvador. Ich hatte nicht die geringste Ahnung was Capoeira war, hatte noch nie ein Berimbau gesehen. Wir hatten keinen Fernseher und Capoeira wurde so wieso nicht im TV gezeigt. Ich fragte meine Mutter nach etwas Geld, weil ich mich im Judo anmelden wollte. Dann kam ein Cousin von mir, der mit Mestre Bimba trainierte und sagte zu mir, «Komm mal mit das Capoeira Training anschauen», und ich fragte: «Was ist das, Capoeira?» «So ein Kampf von hier», antwortete er. Das Geld fürs Judo habe ich für meine Anmeldung im Capoeira Training benützt, so kam ich eigentlich per Zufall zur Capoeira».

In der Welt der Capoeira sieht man Sie als lebende Legende...

«Oh nein, nein das bin ich nicht«.
Ja, so ist es aber! Wie sieht Raimundo Cesar die Figur von Mestre Itapoan?
«Nach achtunddreissig Jahren Capoeira kann ich nicht so einfach unterscheiden wer, wer ist. Ich habe mehr Jahre als Capoeirista verbracht, als Jahre als nicht Capoeirista. Meine Schule wird jetzt 30 Jahre alt. Ich habe mich total in die Capoeira vertieft und hatte das Glück alles von Mestre Bimba zu lernen, der alles konnte und kannte. Ich habe sehr viel studiert, recherchiert und bin sehr viel gereist. Das alles hat mir sehr viel geholfen, meine Kunst und ihre Geschichte zu verstehen und vor allem sie zu verbreiten. Aber ich weiss soviel, wie viele andere auch».

Glauben Sie, dass Sie eines Tages so in Erinnerung bleiben wie Mestre Bimba?

«O nein, Mestre Bimba ist unerreichbar. Er war komplett, es ist nicht möglich heute einen Vergleich zu finden. Mestre Bimba erfand so Vieles in einer Zeit, in der es sehr, sehr schwierig war etwas Neues zu kreieren, zu unterstützen, zu verbreiten und auf öffentlichen Plätzen zu zeigen. Das alles hat bis heute überlebt. Die Schläge und Bewegungen, die er erfand, sind heute noch zu lernen, ich könnte nie dieses Niveau erreichen. Das ist wirklich eine andere Ebene».

In den letzten 38 Jahre sind Sie durch sehr viele Länder gereist. Welche Unterschiede finden Sie zwischen den Mestres in Brasilien und denen im Ausland?
«Ja, ich war ein paar mal in den USA, in Europa und in einigen Ländern Südamerikas, und sowieso überall in Brasilien. Das Wichtigste ist, hart zu trainieren, mit diesem Austausch habe ich wahnsinnig viel gelernt.
Fast alle Mestres, die im Ausland sind, waren schon Mestres in Brasilien und hatten ihre Capoeira-Arbeit dort. Sie haben wie eine Fortsetzung der Arbeit aus Brasilien entwickelt. Aber einen grossen Unterschied sehe ich nicht. Das Problem sind die verschiedenen Kulturen mit denen Sie konfrontiert werden. Der Versuch, dass Holländer, Deutsche oder Schweizer, die Brasilianische Kultur assimilieren, ist eine schrecklich anstrengende Arbeit für einen Mestre.

Er selbst muss sich auch an eine Kultur anpassen, die total anders ist als seine. Oft kommen die Mestres aus sehr armen Verhältnissen und landen in einem Land aus der ersten Welt und bleiben total verloren, bis sie sich wieder finden und anpassen können. Ich habe immer gesagt:«Wer zwei Beine, zwei Arme und einen Kopf hat, kann Capoeira lernen, egal wo, ob in Brasilien oder Japan.» Wer konnte sich vorstellen, dass heute in Holland, Deutschland, Israel und all diesen fernen Ländern, die nichts mit der brasilianischen Kultur gemeinsam haben, Capoeira gelehrt wird.
Dieser Drang alles zurückzulassen, sein Land, die Familie, Freunde, und sich ins Ungewisse zu werfen, irgendwo in einem anderen Land alles von Null an aufzubauen, braucht verdammt viel Courage. Ich weiss nicht, ob ich das könnte, es braucht wirklich verdammt viel. Es ist wahnsinnig verrückt, alles, an das man glaubt und kennt, zu verlassen. Ich war verheiratet, wollte weiter studieren, hatte meine Praxis. Als meine erste Frau starb, wollte mich Mestre Accordeon nach Amerika mitnehmen, aber ich konnte meinen Kopf nicht zurück lassen und das war ein Problem. Alle diese Mestres haben eine gemeinsame Geschichte. Der schwierige Prozess der Adaptation an das Klima, das Essen, das Volk, die Vorurteile gegen den Schwarzen etc. Wenn sie es schaffen und es gut geht, denkt niemand wie es war, sie sehen nur sein Auto, sie sehen viele Schüler, aber niemand schaut zurück».

Karate hat verschiedene Stile, jetzt versuchen einige capojitzu, angonal, capobox usw. Sehen Sie diese Entwicklungen als Stile der Capoeira oder als Hybride, die die Kunst schlecht beeinflussen?
Capoeira hat nur einen Stil. Capoeira Angola ist nicht ein Stil, sondern der Ursprung, die Mutter. Der Stil ist Capoeira Regional. Das was einige üben ist eine Mischung zwischen Regional und Angola, die sie gerne als neuen Stil verkaufen möchten, aber sie ist es nicht. Was anders sein kann, ist die Lernmethodik des Mestre oder Professors, der gleichzeitig einen neuen Name dazu erfindet, aber das ist purer Quatsch. Sie möchten sich unbedingt beweisen und bestätigen mit dem Versuch etwas kreiert zu haben, wo nichts ist und das Resultat ist natürlich eine Verschlechterung, die Essenz der Capoeira geht damit verloren. Es existieren keine Stile!»

Capoeira ist Teil der Geschichte Brasiliens, Teil des Erbes des Volkes. Glauben Sie, dass die ausländischen Schüler, die Essenz der Capoeira in den Adern spüren können?
«O o o, da wird der Lehrer sich unwahrscheinlich stark anstrengen müssen. Capoeira lehren ist einfach, aus jemandem einen Capoeirista zu machen nicht. Um die Geschichte Brasiliens und sein Volk besser zu verstehen, müssen alle die Geschichte der Capoeira kennen. Wenn jemand sich als Capoeirista von ganzem Herzen sieht, muss er die Geschichte sogar sehr gut kennen. Es ist schrecklich, ein Lied zu singen und die Bedeutung nicht zu verstehen, nicht zu wissen, warum man überhaupt singt. Es ist wirklich sehr schwierig, denn selbst in Brasilien gibt es Capoeiristas, die selber nicht viel von der Capoeira verstehen, und für die Ausländer ist es fast unmöglich. Eine Kultur zu studieren und in den Alltag zu übernehmen ist sehr schwierig».

Allmählich gibt es immer mehr fortgeschrittene Schüler, Professoren und sogar Mestres im Ausland. Haben Sie nicht Angst, dass die Wurzeln der Capoeira vergessen werden?
«Nehmen wir Japan als Beispiel mit Karate und Judo, die überall auf der Welt verbreitet worden sind. Diese Künste haben nicht viel verloren. Alle Schläge benennt man immer noch auf Japanisch, es wird nur auf Japanisch gezählt. In der Capoeira sind die Mestres gefordert, alles auch so zu erhalten. Die verschiedenen Adaptationen, die je nach Land entstehen, sind aber unvermeidlich».

Die Meister im Fernen Orient verkörpern den Respekt und das Wissen auf einer ganz hohen Ebene, den Mestres aus Brasilien wird diese Ehre nicht zu teil. Warum ist das so?
«Das ist ein Teil der Erziehung der Bevölkerung in China, Japan, Korea etc. Die Alten werden als Weise angesehen, weil sie durch ihr Leben sehr viel an Erfahrung und Wissen gesammelt haben. In Brasilien gibt man den Alten keinen Respekt mehr, sie sind fast wertlos, sie haben keine Rechte mehr, für gar nichts. Sie können nirgendwo arbeiten. Zum Beispiel: Du nimmst mich in eine Academia mit, um einen Kurs zu geben, der Mestre von dort bleibt einfach sitzen und schaut zu. In Japan und überall auf der Welt ist es so, dass wenn der Judo Meister einen von den alten Meistern in seine Schule bringt, er bescheiden unter die Schüler geht und mitmacht. Der Capoeirista Mestre glaubt, schon alles zu wissen und, dass er das nicht mehr nötig hat.

Die Art im Kung Fu durch Gleichnisse zu lehren gibt es auch im Capoeira: Die alten Mestres erzählten und erzählen noch viele komplizierte Geschichten, ob man sie versteht oder nicht ist jedem seine eigene Sache. Wir haben eine andere Kultur, wurden von der Portugiesen kolonialisiert und unsere Erbe ist hauptsächlich afrikanisch. Wenn man die Afrikanischen Länder beobachtet, sieht man dass sie alle im Chaos sind, sie schaffen es nicht sich zu organisieren. Warum sollten wir, Opfer all dieser Einflüsse uns zu organisieren lernen? Es geht nicht. Wir hatten die Holländer, Franzosen und Spanier, endeten kolonialisiert durch Portugiesen. So, um Brasilien zu verstehen muss man Portugal kennen. Wen man hier (Portugal) ist, erkennt man sofort das gleiche Durcheinander».

Welchen Rat würden Sie allen nicht brasilianischen Schülern geben?
Alle Schüler, egal von wo, müssen sehr, sehr viel trainieren, lernen, suchen und viel Geschichte studieren, um wirklich zu spüren was Capoeira ist. Die Capoeira ist nicht eine physische Kunst wo man ein paar Bewegungen lernt und trainiert und hop jetzt bin ich ein Capoeirista. Sie können ein erstklassiger Capoeira Athlet sein, aber nie ein richtiger Capoeirista. Capoeirista zu sein ist etwas viel Grösseres, so, nonstop studieren und viel nach Brasilien reisen. Der Traum jedes Judoka und Karateka ist es, einmal nach Japan zu gehen, um die Alten Meister zu treffen, der Traum jedes Capoeirista ist es, einmal nach Bahia gehen und diese Energie der Schwarzen zu spüren, die sie in Europa niemals spüren werden. Um ein kompletter Capoeirista zu werden, müssen sie sich sehr anstrengen, sonst werden sie immer nur ein Athlet bleiben».