LANDUNG, VERKAUF, FLUCHT

Die Gefangenen wurden von anderen Sklaven aus derselben Heimat "empfangen". Dies geschah, um die Ankömmlinge zu beruhigen, denn viele glaubten, sie würden nun von Kannibalen verspeist. Die "menschliche Ware" wurde in Gruppen von bis zu 400 Gefangenen "gelagert". Ihnen wurde nun genügend Nahrung gegeben, Kranke wurden versorgt. Sie wurden daraufhin auf Bänken vor den Geschäften der Sklavenhändler ausgestellt. Die Kranken wurden zu Liquidationspreisen verkauft. Jeder Sklave wurde vor dem Kauf von seinem zukünftigen Herrn und dessen Arzt oder Feitor (Sklavenaufseher) kontrolliert. Es wurde zudem Wert darauf gelegt, Sklaven verschiedener Herkunft zu kaufen, damit diese nicht dieselbe Sprache sprachen und so schlechter miteinander kommunizieren konnten.

Auf den Fazendas (Gutshöfen) lebten die Sklaven in Gemeinschaftshäusern, die Gefängnissen glichen: den sogenannten Senzalas. Hier versammelten sich die Sklaven um kleine Feuerstellen, die der Zubereitung von Speisen und der Vertreibung von Insekten und bösen Geistern dienten. Nachdem die Sklaven gezählt worden waren, wurden die Tore der Senzalas bei Nacht geschlossen. Die Gefangenen aus verschiedenen Teilen Afrikas versuchten anderen Sklaven ihres selben Stammes nahe zu sein, um so ihre Sprache und Religion, ihre Tänze und ihre Musik weiter kultivieren zu können. Doch die Herren verboten jeglichen Ausdruck afrikanischer Kultur.



 


Senzala der Fazenda Boa Vista in São Luis do Paraitinga.

Trotz der schrecklichen Strafen, die denjenigen drohten, welche sich gegen die Sklaverei erhoben, war die Flucht von Sklaven sehr häufig. Einzeln oder in Gruppen stellte die Flucht eine stete Bedrohung für die Herren dar. Der Geflohene verlor seinen Wert auf dem Markt, denn die Flucht galt als teuflisches Laster. Es entstand ein neuer Berufszweig: Der "Capitão do Mato". Diese Sklavenjäger verfolgten entflohene Sklaven und lieferten sie ihren Herren gegen Bezahlung wieder aus. Schwer bewaffnet stiessen sie in Wälder und Hügel des Hinterlandes vor. Doch es kam vor, dass die Jäger hier selbst zu Gejagten wurden und von Gruppen entflohener Sklaven "gerichtet" wurden.

Aus Reaktion auf die Gewalt der herrschenden weissen Rasse und aus der Notwendigkeit der versklavten Schwarzen sich ohne Waffen verteidigen zu können, entstand der Kampf der Männer der Capoeira. Um gegen die "Capitães do Mato", die in den Urwald vorstiessen, kämpfen zu können, benutzten die Entflohenen ihren ganzen Körper. Sie schlugen mit dem Kopf, den Füssen, den Knien.
Es war die Sehnsucht nach Freiheit der Sklaven, welche die kämpferische Kraft der Capoeira hervorbrachte und den Ausbau körperlicher Fähigkeiten und verstärkter Sinneswahrnehmung ermöglichte.

Der Kontakt mit den Tieren im Urwald und die Anpassung an deren Fähigkeiten zu überleben, inspirierte die Entflohenen. Sie entwickelten eine Kombination aus Verteidigungs- und Angriffsbewegungen, in denen sich die Agilität des Affen, der Kampfgeist des Jaguars, die Schlauheit des Fuchses und die Fähigkeiten der Spinne, den Feind in ein Netz zu wickeln, verbanden. Der Sklave entwickelte so eine Lebens- und Überlebens-Philosophie, die Capoeira.

 



"Capitão-do-Mato" mit einem geflohenen Sklaven.

Die Sklaven flohen aus den Fazendas, den Gutshöfen der Herren, und gründeten im Urwald eigene Siedlungen, die Quilombos. Hier hielten sie ihre kulturellen Traditionen am Leben. Die Herren und die staatlichen Autoritäten führten konstant Krieg gegen die Quilombos. Es gelang ihnen jedoch nie, diese vollständig auszulöschen.

Gewalt, Verstümmelungen und Folter an den Sklaven kannten keine Grenzen. Der Versuch der Herren und Aufseher die Sklaven vollständig unter ihren Willen zu bringen führte oftmals bis zum Tod.

Der Begriff Capoeira kommt aus dem indianischen Tupi und bedeutet ein sehr dicht gewachsener Urwald. Er bezeichnet auch einen Strohkorb, in dem Geflügel aufbewahrt wurde. Wenn ein Sklave in den Urwald geflüchtet war, sagte man, er sei in die Capoeira gefallen.



Die "Gargalheira", ein Werkzeug, dass zur Strafe verwendet wurde und
eine erneute Flucht verhindern sollte.

Die Lebensbedingungen der Sklaven in Brasilien variierten je nach Region und Beschäftigung. Im Normalfall waren sie ausgesprochen schlecht. Die Kleidung war bei Sklaven auf dem Land und in der Stadt verschieden. Auf dem Land gingen sie meist barfuss, was Unfälle und Krankheiten häufig machte.
Schlecht ernährt litten die Sklaven Hunger. In geringen Mengen assen sie Maniokmehl, Bohnen, Getreide und Reis.

Nach der Arbeit wurden einige der Sklaven in den "Casas do Tronco", einer Art Folterhaus das sich auf vielen Fazendas befand, bestraft. Der Tronco (Baumstamm) war ein Instrument in Form einer riesigen Schere aus Holz oder Stein, mit Löchern für die Füsse. Die Sklaven lagen hier für lange Zeit mit gefesselten Füssen. Stock- und Peitschenhiebe waren des Weiteren die häufigsten Strafen. Ein Sklave konnte für ein schweres Vergehen mit bis zu Tausend Stockschlägen bestraft werden.

 


Ein Sklave wird mit Stockschlägen am Pau do Pelorinho bestraft.

Die Flucht der Schwarzen vor den steten Strafen, der fehlenden Nahrung und dem traurigen und hoffnungslosen Leben setzte sich fort. Die Quilombos wuchsen, lebten von der Landwirtschaft, dem Fischfang, der Jagd und von Raubzügen. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts versteckten sich Tausende von Sklaven in der unzugänglichen Region der Serra da Barriga (Staat Alagoas). Im Herzen des Brasiliens der Sklaverei entstand hier ein freier schwarzer Staat, die Confederação dos Quilombos dos Palmares. Er verteidigte sich jahrelang gegen die Angriffe der Sklavenhalter. Erst 1694 wurde Palmares durch eine mächtige Militäroffensive unter Domingo Jorge Velho zerstört.

Der Unterhalt von Familien war teurer als der einzelner Personen. Deshalb führten die Herren mehr Männer als Frauen ein. Die Familien widersetzten sich zudem besser dem despotischen Willen der Herren und erschwerten den Verkauf von einzelnen ihrer Mitglieder. Die Sklavenhalter interessierten sich wenig für die neugeborenen Kinder der versklavten Mütter, denn es war billiger einen neuen Arbeitssklaven zu kaufen, als über Jahre für ein Kleinkind zu sorgen. Die Kindersterblichkeit war in Brasilien demzufolge sehr hoch.